Sauberesw Essen- sauberes New York oder was eine Stadt attraktiviert

Wie New York von der Hochburg des Verbrechens zu einer sicheren Stadt wurde
Saubere Stadt New York
Von Richard Anderegg, Washington

Eine konsequent auf die Durchsetzung der Rechtsordnung ausgerichtete Sicherheitspolitik hat New York, eine noch vor wenigen Jahren für Gefährlichkeit berüchtigte Millionenmetropole, wieder zu einer lebenswerten Stadt gemacht.

Geschichte kann man auf zwei Arten erzählen. Die eine fusst auf Ereignissen, die andere auf Menschen. New York kann man nur anhand der Menschen schildern, die die Stadt geschüttelt haben. Zu ihnen gehört der Bürgermeister. Setzt er seine Machtfülle ein, so kann er die Stadt auf Jahrzehnte verändern. Scheut er sich davor, ist er blosse Manipuliermasse.

Mächtiger Bürgermeister
Der heutige Bürgermeister von New York wird als bedeutende Persönlichkeit wahrgenommen. Die Stadt New York habe, meinte kürzlich ein Redaktor des New York «Daily News», «im letzten Jahrhundert nur zwei Bürgermeister gehabt: Fiorello La Guardia von 1934 bis 1945, und Rudi Giuliani seit 1995 bis heute». Demnächst will Bürgermeister Giuliani allerdings auf den Washingtoner Senatssitz von Patrick Moynihan wechseln, der als republikanischer Senator des Staates New York zurücktritt. Giulianis Amtszeit als Stadtvater läuft an sich erst im November 2001 ab. Seine Empfehlung bei den Wählern ist einfach: Er hat die Lebensqualität der Riesenstadt wiederhergestellt, nachdem sie jahrzehntelang nicht nur von Gewalt und Verbrechen aller Art, sondern besonders von Schmutz, Gleichgültigkeit zuständiger Stellen, löchrigen Strassen, faulen Dienstleistungen und aufdringlichem Gelichter heimgesucht worden war.

Alltägliche Nötigungen
Wie Rudi Giuliani, «the Italian cop from Queens», zu deutsch: der italienische Tschugger aus Queens, New York wieder zu einer sauberen, lebenswerten und freundlich wirkenden Metropole machte, ist eine ausserhalb Amerikas nicht leich nachvollziehbare Leistung. Es begann mit den sogenannten Squee- gees (SQUII-djiis). Man sass im stehenden Wagen an Kreuzungen bei Rotlicht. Plötzlich war da eine Gang von Jugendlichen, bewaffnet mit einem Schwamm an einem Stiel und einem Kessel dreckigen Wassers. Blitzschnell schmierte die Gruppe die Windschutzscheibe mit Wasser voll, auch die Seiten- fenster, worauf sie für die «Reinigung» energisch Geld forderte. Wer nicht zahlte, wurde bedroht und genötigt. Es gab auch zerkratzte Karrosserien.

Die Vorgänger Giulianis, der schwarze Bürgermeister Dinkins und der weisse Mayor Koch, bagatelli- sierten die lästige Erscheinung. Giuliani, 1994 gewählt, verbot das erpresserische Gewische bei Strafe. Die Polizei, die zuvor das Treiben schulterzuckend geduldet hatte, setzte jetzt das neue Verbot, wohl- wissend, wer jetzt Bürgermeister war, konsequent durch, und die bisher als unausrottbar geltenden Squeegees verschwanden plötzlich aus dem Stadtbild.

Aber nicht nur gegen die lästigen Fensterputzer richtete sich das Regime des neuen Bürgermeisters. Auch die Panhandlers, bei Geschäftseingängen und U-Bahn-Stationen herumlungernde Bettler, wurden nicht mehr akzeptiert und ohne Erbarmen in Notunterkünfte oder Polizeigewahrsam verlegt. Giuliani zwang sie zu arbeiten. Dasselbe tat er bei den meist aus dem Rest des Landes zugewanderten Mittel- losen und Sozialunterstützungs-Bezügern, «Keine Arbeitsleistung, kein Geld», das war die neue herzlose, wenn auch erfolgreiche Devise.

Giuliani konnte so konsequent und unnachgiebig handeln, weil er in einer Zeit sich erholender Konjunk- tur und als Republikaner nach einer schwachen Serie politisch erzdemokratischer Vorgänger gewählt worden war. Ein weiterer Grund dafür, dass sich Guiliani mit seinen rigorosen Massnahmen durch- setzen konnte, war die sich zunehmend durchsetzende Erkenntnis, dass teure und stets steigende Sozialausgaben bisher nur wenig gefruchtet hatten.

Giuliani ist davon überzeugt, dass die Schockwirkung die beste Waffe ist. Er glaubt an die Rezepte Reagans. Dieser hatte sich gleich nach seiner Wahl 1980 mit einem Streik der Fluglotsen konfrontiert gesehen und ging auf Konfrontationskurs, im vollen Risiko, das Personal entlassen und durch Lotsen der Luftwaffe ersetzen zu müssen. Damit hatte Reagan seinen Tarif erklärt. Giuliani ist vom gleichen Schlag, und er kam gross an. Er wurde, Unkenrufen zum Trotz, nach vier Jahren denn auch wieder- gewählt.

Reorganisation der Polizei
Dann holte der italienische Polizist aus New York einen irischen Polizisten aus Boston, William Brat- ton, und machte ihn zum Chef der bisher sträflich vernachlässigten U-Bahn-Polizei. Halbwüchsige übersprangen dort die Abschrankungen, bedrohten Mitfahrer, die Bahn war verschmiert, die Passagiere, zu dem einzigen raschen und billigen Verkehrsmittel gezwungen, waren in stiller Aufruhr. Bratton rüstete die Bahnpolizei mit modernsten 9-Millimeter-Pistolen aus. Die Waffen wurden auch eingesetzt.

Plötzlich galt die U-Bahn als sicher. Dann machte Giuliani den Haudegen Bratton zum Stadtpolizei- Chef, und dieser organisierte sein Korps von Grund auf neu. Korruption wurde endlich bekämpft. Eine Elitetruppe von unglaublicher Brutalität gebildet. Aber die Härte wirkte: Die Kriminalität New Yorks ist merklich zurückgegangen, die Stadt ist wie zu neuem Leben erwacht.

Negative Auswüchse
Allerdings gab es auch bittere Rückschläge: 1997 wurde ein schwarzer Einwanderer auf einem Polizei- posten mit einem Besenstiel aufs übelste misshandelt. Er benötigte eine Reihe von Operationen und leidet noch heute an den Verletzungen. Vier anwesende Polizisten deckten den Schuldigen während Wochen. Ein afrikanischer Einwanderer wurde wegen eines Missverständnisses am 4. Februar 1999 von einer der Sondergruppen Brattons niedergeschossen: Vier Polizisten der Stadtpolizei, jetzt auch mit 9- mm-Pistolen bewaffnet, gaben 41 Schüsse ab, von denen 19 den unbewaffneten Mann trafen. Diese Vorfälle zeigten schonungslos die Gefahren auf, die mit einer grossen Machtfülle der Polizei verbunden sind. New Yorks Polizei ist gefürchtet, und das ist Teil der neuen Sicherheits-Strategie.

Die Frage ist berechtigt, ob das Rezept einer unnachgiebigen Bekämpfung selbst der Klein- und Alltags- kriminalität auch anderswo zu Erfolgen führt. In der Schweiz jedenfalls ist der Versuch noch nicht unternommen worden.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: