Die Hoffnungslosigkeit kommt erst orgen, aber jeden morgen kehrt Sie zurück. Beispiel NY

Saubere Straßen für Manhattan

 
 
 
 
 

NEW YORK, im Januar. Die Menschen gehen allein oder zu zweit die Straße entlang. Alle paar hundert Meter sieht man wieder neue. Ihre Hosen sind zerissen, die Hemden fleckig. Manche tragen Plastiktüten mit Lebensmitteln und Zigaretten. Gelegentlich rauscht ein Lastwagen vorbei. Die Strasse, die sie gehen, führt nach Chester, einen Ort mit knapp 3000 Einwohnern. Alte Holzhäuser im Zuckerbäckerstil stehen dort, es gibt ein Rathaus, eine Schule und eine Kirche. Fast jeder in Chester ist weiß; die Familien sind seit Generationen im Ort ansässig. Es wäre ein Ort wie tausende andere, gäbe es hier nicht Camp La Guardia. Am Eingang steht ein ein großes Schild. „Camp La Guardia, Department of Social Services, City of New York, Mayor Rudolph W. Giuliani“ steht darauf. Hier, etwa zwei Autostunden außerhalb der Stadt, befindet sich das größte Obdachlosenasyl von New York City. Mehr als tausend Menschen leben hier. Um das Lager ist ein Zaun gezogen, das Tor wird bei Sonnenuntergang geschlossen. Keiner der Insassen darf Camp La Guardia in der Nacht verlassen. Chester soll seine Ruhe behalten. Die Beschwerde Rudolph Giuliani, der Bürgermeister von New York, prahlt gerne damit, dass die Obdachlosenzahlen seit seinem Amtsantritt 1993 stark gesunken seien. Es war Joseph Rampe, ein Stadtverordneter aus Chester, der mit einer Beschwerde auf einer Wahlversammlung offenbart hat, dass diese Zahlen falsch sind, dass es in New York nur deshalb scheinbar weniger Obdachlose gibt, weil Giuliani sie seit Jahren aus der Stadt deportieren lässt. Die wirkliche Entwicklung sieht ganz anders aus: „Gerade die Zahl der obdachlosen Familien und Frauen hat ganz dramatisch zugenommen,“ sagt Patrick Markee von der „Coalition for the Homeless“, einer Gruppe von Rechtsanwälten, die sich für die Belange der Obdachlosen einsetzt. Etwa 7 000 obdachlose Einzelpersonen und 4 600 obdachlose Familien werden zur Zeit in New York gezählt. Die Zahl der obdachlosen Männer ist in den vergangenen vier Jahren um zehn Prozent, die der Frauen um 23 Prozent gestiegen. Die Zahl der Familien ohne Unterkunft hat sich um 500 Prozent erhöht. 38 Prozent aller 8700 obdachlosen Kinder in New York leiden darüber hinaus an Asthma. Ratten, Mäuse und Kakerlaken, sowie Staub und Feuchtigkeit in den Asylen, so sagen Ärzte, sind die Ursachen. Zunehmende Armut, Mietwucher und die Kürzung von Sozialleistungen führen für immer mehr Menschen zum Leben auf der Straße. 60 Prozent aller Obdachlosen in New York stammen heute aus den vier ärmsten Wohnbezirken der Stadt, der South Bronx, Harlem, Bedford-Stuyvesant und East New York. Der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre ging hier an der vornehmlich afroamerikanischen und hispanischen Bevölkerung vorbei. Ein Viertel aller New Yorker Familien verdient weniger als 16 665 Dollar (etwa 30 000 Mark) und liegt damit unter der offiziellen Armutsgrenze. Dennoch steigen die Wohnungspreise in den Armutsvierteln. Gab eine Familie 1993 etwa in Harlem im Durchschnitt noch 31 Prozent ihres Gehalts für die Miete aus, so liegt dieser Wert heute bei bis zu 80 Prozent. Nur noch weniger als ein Prozent aller Wohnungen sind selbst in den Ghettos für unter 500 Dollar im Monat zu haben. Aufgrund eines Erlasses aus den 80er Jahren, der sogenannten „Section 8“, haben Familien, die von der Obdachlosigkeit bedroht sind, Anrecht auf Beihilfe. Da die Mittel für dieses Programm jedoch seit Giulianis Amtsantritt zusehends schrumpfen, konnten im vergangenen Jahr gerade einmal einige tausend der vorliegenden Anträge überhaupt bearbeitet werden bewilligt wurden nur wenige. 56 Jahre würde es dauern, so errechneten Bürgerrechtler, bis alle eingereichten Anträge geprüft werden könnten, vorausgesetzt, es werden keine neuen mehr angenommen. Nun hat sich Giuliani ein neues Programm ausgedacht, vordergründig zugunsten der Obdachlosen, in Wahrheit jedoch profitiert davon vor allem die Stadt. Im November des vergangenen Jahres kündigte er an, dass jeder Obdachlose, der künftig in einem der 39 städtischen Asyle Schutz sucht, in das sogenannte „Workfare Program“ eingegliedert werden soll. Noch wird das Vorhaben durch eine Klage der „Coalition for the Homeless“ blockiert. Mit einer Entscheidung im Sinne Giulianis wird aber innerhalb weniger Tage gerechnet. „Wir befürchten das Schlimmste“, erklärt Patrick Markee von der „Coalition“. Für Sozialhilfeempfänger gibt es schon seit 1995 ein obligatorisches Arbeitsprogramm. Meist gegen eine Bezahlung unterhalb der Mindestlohngrenze von 5,75 Dollar müssen die Betroffenen beispielsweise Küchen und Toiletten putzen oder Straßen fegen. So gelang es Giuliani zum einen teure und meist in Gewerkschaften organisierte städtische Angestellte durch „workfare people“ zu ersetzen. Zum anderen kann seither jedem, der nicht pünktlich zur Arbeit erscheint, gnadenlos die Sozialhilfe gestrichen werden. 400 000 Sozialhilfeempfänger hätten so, wie Giuliani in seiner Neujahrsansprache in einer Mischung aus Stolz und Zynismus erklärte, seit 1995 „in die Unabhängigkeit entlassen“ werden können. Unerwähnt blieb, dass sich unter ihnen auch 270 000 Kinder befinden, deren alleinerziehende Mütter nicht regelmäßig am angewiesenen Arbeitsplatz erscheinen konnten. Obdachlose waren bislang von Giulianis Arbeitsprogramm ausgenommen. Grund dafür war der sogenannte Callahan-Erlass. 1979 waren während eines eiskalten Winters in New York eine ganze Reihe Obdachloser erfroren. Der Obdachlose Robert Callahan verklagte daraufhin die Stadt. Zwei Jahre dauerte der Prozess. Wenige Monate bevor das Bundesgericht die Stadt dazu verpflichtete, in Zukunft jedem Obdachlosen „eine Matraze, ein sauberes Bettlaken und Seife“ zur Verfügung zu stellen, wurde Callahan erfroren aufgefunden. Doch dank des Urteils, das er erwirkt hatte, konnte jeder New Yorker, der sein Zuhause verloren hatte, nun von seinem Recht auf menschenwürdige Behandlung Gebrauch machen. Ohne Gegenleistung. Die Tristesse im Lager 1995 jedoch begann Giuliani den Callahan-Erlass zu untergraben. Ein Obdachlosenasyl nach dem anderen wurde in sogenannte „program shelters“ umgewandelt, Unterkünfte mit speziellen und oft äußerst fragwürdigen Therapie- und Erziehungsprogrammen. Mit dieser Umstrukturierung konnte die Stadt Finanztöpfe für Sonderprogramme aus Washington in Anspruch nehmen und gleichzeitig die Aufnahme eines Obdachlosen in ein „Program Shelter“ als Sozialleistung definieren. So waren Sozialhilfeempfänger und Obdachlose rechtlich gleichgestellt und die Sonderregelung von 1981 außer Kraft gesetzt. Auch „Camp La Guardia wird gerade in ein „Program Shelter“ umgewandelt. An der Tristesse im Lager wird sich dadurch wenig ändern. Marode Gebäude stehen auf dem weitläufigen Gelände. Dazwischen liegen öde Sand- und Grasflächen. Männer, meist afroamerikanischer Herkunft, lehnen lethargisch an den Hauswänden oder liegen im Sand. Einer, der sich Al nennt, füttert Katzen. Knochen und Essensreste sind auf dem Boden verstreut. „Einmal kamen Tierschützer“, erzählt Al. „Sie hatten Angst um die Katzen.“ Über die eigene Situation oder über Giulianis Programm will er nicht reden. Er ist eingeschüchtert und hoffnungslos wie die meisten der Insassen. Viele verstecken sich hinter den alten Stahltüren in ihren Zimmern. Etwa fünf Quadratmeter stehen jedem Einzelnen dort zur Verfügung. Das Bett wird tagsüber an die Wand geklappt, durch ein winziges vergittertes Fenster dringt spärliches Licht. „Und die Zimmer in diesem Trakt“, sagt ein Aufseher, „sind noch die besseren Unterkünfte.“ Die größte Zahl der Obdachlosen ist in Schlafsälen untergebracht. Die „Bedrolls“, eine Art zusammenrollbare Matratze, müssen täglich weggeräumt werden. Für die Menschen von Camp La Guardia bedeutet die bevor stehende Aufnahme ins Arbeitsprogramm, dass sie täglich bis zu vier Stunden lang in Bussen hin- und hergekarrt werden. Die meisten aus dem Camp sollen Straßen in Manhattan fegen. Und mit Arbeitsverweigerern will die Stadtverwaltung wenig zimperlich umgehen. „Wir müssen Krisensituationen im Leben der einzelnen Individuen schaffen“, erklärte Jason Turner, Giulianis Beauftragter für das „Workfare Program“, in einer Anhörung am vergangenen Freitag. Nur so könnten die Obdachlosen wieder integriert werden. Jeder arbeitsfähige Obdachlose, der auch nur eine Stunde seines Arbeitsprogramms verpasst, soll, so will es Giuliani, in Zukunft aus dem Asyl verbannt werden. Fingerabdrücke sollen dafür sorgen, dass die Betroffenen anschließend nicht von Asyl zu Asyl ziehen. Müttern, die nicht arbeiten wollen, sollen die Kinder abgenommen werden, und seelisch oder körperlich Kranke müssen jeden Monat Atteste vorzeigen, die ihre Arbeitsunfähigkeit dokumentieren. „Hier tickt eine Zeitbombe“ Und was wird aus denen, die nicht mal mehr in einem Asyl leben dürfen? Niemand weiß es. „Tausende von Obdachlosen wird es in den kommenden Jahren auf die Straßen spülen“, sagt Patrick Markee voraus. „Hier tickt eine Zeitbombe.“ Die „New York Times“ erwartet „eine neue Generation von Obdachlosen“. Da es in Giulianis New York verboten sei zu Betteln, in öffentlichen Einrichtungen zu schlafen oder auch nur die Straße oder eine Bank mit dem Oberkörper zu berühren, würden die neuen „Homeless“ andere Verhaltensmuster entwickeln. „Sie werden Gruppenbildung vermeiden, sich allein und immer in der Nacht bewegen“, vermutet die Zeitung. Und die Kriminalität wird steigen. Schon jetzt treten die Schwächsten der Stadt manchmal aus der ihnen verordneten Unsichtbarkeit heraus. Auf ihre Art. Tagelang hatte im vergangenen Jahr der obdachlose und geistig verwirrte Andrew Goldstein in verschiedenen Asylen um Aufnahme gebeten. Überall wurde er abgewiesen. Nur Stunden nach dem letzten Rausschmiss ging er in eine U-Bahn-Stationund stieß die 32jährige Kendra Webdale vor einen fahrenden Zug. Der Körper der jungen Frau wurde in der Mitte zerteilt. Kurz darauf beging der ebenfalls obdachlose Julio Perez Goldstein eine ähnliche Tat. Er verließ seinen Schlafplatz und schubste einen gut gekleideten Geschäftsmann auf die Schienen. Dieser verlor beide Beine. Ende November schließlich wurde die 27jährige Nicole Barrett beim Einkaufbummel auf der schicken Madison Avenue von dem obdachlosen Paris Drake mit einem Pflasterstein niedergeschlagen. Tagelang lag sie im Koma. Der Anwalt Drakes nannte für die Tat seines Mandanten ein Motiv: „Hoffnungslosigkeit“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: