Die Psyche der Stadt -auf der Couch?

Seele der Zeit

 

Städte haben eine Seele. Vertritt man diese Ansicht in einer Diskussion, mag man auf Unverständnis stoßen und einer esoterischen Weltsicht verdächtigt werden. Doch gibt es für diese Auffassung zumindest einen guten Grund und nachvollziehbare Argumente.  Städte sind mehr als nur Ausprägungen allgemeiner Trends von Urbanisierung. Europäische Stadt, amerikanische Stadt, globalisierte Stadt, suburbanisierte Stadt, Zwischenstadt, Netzstadt, Randstadt, Metropole, Industriestadt, Beamtenstadt, Kleinstadt, Hauptstadt, generic city – all diese Kategorien reichen nicht aus, eine konkrete Stadt zu charakterisieren. Als Architekten und Städtebauer sollten wir uns mit jeder konkreten Stadt als einem Individuum beschäftigen, ihr auf die Spur kommen, ihre Räume erkennen, spezifisch intervenieren, auf ihren genius loci eingehen. Das ist der Grund. Argumente werden im folgenden zusammengetragen. Es sind zum Teil altbekannte Denkfiguren, die in diesem Zusammenhang nur wieder in Erinnerung gerufen werden müssen. Es ist unvermeidlich, dass die Komplexität des Themas im Rahmen eines Essays nur in Stichworten aufgespannt werden kann.
Eigenleben
Gewöhnlich spricht man Lebewesen eine Seele zu, wobei die Interpretation des Begriffes und die Vorstellung von Seele sich im Lauf der Geschichte immer wieder gewandelt hat. Im Unterschied zum Geist »ist Seele der Inbegriff der mit dem Organismus eng verbundenen Erlebnisse«. 1
Vor allem in der Vorstellung von »beseelt sein« können auch Dinge der Umwelt so mit Sinn versehen sein, dass sie auf einen dem Menschen ebenbürtigen Rang erhoben werden.2 Seele ist das Innere eines Dinges. Beseelt sein heißt: mit Eigenleben erfüllt sein.3 Soweit die Wörterbücher. Insbesondere im Gedanken des Eigenlebens von Dingen findet sich die Ausgangsfrage wieder.
Haben Städte also ein Eigenleben? Ein Eigenleben, das die kollektiven und individuellen Lebensorte prägt. Ein Eigenleben, das auch für den Fremden schon spürbar ist? Das die physische und materielle Struktur prägt, das zu ihrer individuellen Gestalt führt, das die öffentlichen Räume charakteristisch macht? Das fast so etwas wie einen personalen Charakter der jeweiligen Stadt hervorbringt? 
Das ist die These: Es ist etwas hinter der Oberfläche einer Stadt, ihren Gebäuden, Straßen, ihren Rändern und Brachländern und ihren geographischen Merkmalen verborgen, das ihr Wesen ausmacht. Etwas das so viel eigene Kraft entfaltet, dass das Leben, Fühlen und Handeln in dieser Stadt einen spezifischen, individuellen Charakter bekommt. 
Das Ganze und Identität
Mit dem Begriff Seele, der ja eine bestimmte Aura transportiert, ist zuerst folgendes angesprochen: Stadt ist mehr als eine funktionale Maschine, die Gesellschaft auf engem Raum organisiert. Nicht nur datascape, nicht nur von der DNA des Ortes geprägt, wie zeitgeistige Urbanisten sich ausdrücken. Denn diese Metaphern suggerieren ja wieder, dass die Komplexität der Erscheinungen auf – zunächst einmal verborgene – materielle Determinanten zurückzuführen sei. Dahinter steckt letztendlich ein quantifizierendes Verständnis von Stadt – eine formale Rationalität und instrumentelle Logik, während Seele komplexe Qualität aufruft. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, etwas qualitativ anderes. Mit dieser trivialen Erkenntnis sind wir jedoch noch nicht am entscheidenden Punkt angelangt. Die Vorstellung von der Seele einer Stadt geht über ein kollektives gesellschaftliches Ganzes hinaus. 
Dieses gesellschaftliche Ganze ist jede Stadt natürlich auch: so wie das Tango-Tanzen eine andere Qualität erhält, wenn das Paar zu einem Körper wird und wenn der Salon nicht mehr aus Einzelpaaren besteht, die sich auf die Füße treten, sondern zu einer gestimmten Bewegung findet – so wird eine Stadt geprägt durch die Gesamtheit der dort agierenden Personen und Institutionen. Es entsteht ein gesellschaftliches Klima, eine Grundstimmung, die Eigenschaften und Verhaltensweisen fördert und prägt. In der und der Stadt ist das und das möglich, fällt leicht, wird mit Status und Anerkennung belohnt, subkulturelle Szenen eingeschlossen. Eine städtische Identität bildet sich heraus, die Außendarstellung und inneres Selbstbild der städtischen Gemeinschaft zur Deckung bringt.4
Notwendigerweise ist Identität mit einem »Bild« der Stadt von sich und über sie verbunden. In diesem Bild müssen Selbstbild und Außendarstellung nicht nur zusammenfallen, sondern sie müssen – will man von Identität sprechen – auch kommunizierbar sein. Das Bild muss zur diskursiven Vermittlung geeignet sein.
Dieser Prozeß braucht seine Zeit, wie die Diskussion um neue regionale Identitäten zeigt, die sich oft nicht einstellen wollen, obwohl Planung und Politik sie gerne erzeugen würden. Identität ist nicht einfach machbar, sie ist mehr als ein durch Stadtmarketing zu erzeugendes Image, oder eine durch geschickte Werbung aufzubauende Corporate Identity. Identität setzt Einheitlichkeit und völlige Übereinstimmung mit sich selbst voraus, ein inneres stimmiges Bild von sich. Dadurch erweist sie sich gleichzeitig als problematisch, sie ist sozusagen janusköpfig. Einheit als Bedingung von Identität muß vieles ausgrenzen: Disparates und Nicht-Integrierbares, Verdrängtes und Verschwiegenes, Tabus und Spontanes, Nicht-Kommunizierbares und Sinnloses. Die Gegenspieler von Identität sind Differenz und das Andere. In der oberflächlichen Art, mit der im Städtebau der Begriff Identität verschlissen wird, übersieht man meist diese Kehrseite: Im warmen Mantel der Identität sperrt sich die städtische Gesellschaft gegen Neues, Fremdes und Veränderung. So positiv und notwendig diese Selbstgewissheit ist, hat sie doch etwas von Stagnation und Starre an sich. Der Diskurs um Identität hat etwas mit unserem Thema zu tun, trifft es aber nicht im Kern. Denn Seele der Stadt meint etwas quasi Lebendiges, das Veränderung, Differenz und Individualität einschließt.
Genius Loci
Der individuelle Charakter einer Stadt wird im Zusammenhang von Architektur gebräuchlicher Weise als Genius Loci bezeichnet. Diese Idee des Genius eines Ortes ist schon sehr alt – in der Antike entstanden.5 Der Genius erzeugte ursprünglich die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen, diese Vorstellung wurde dann auf Siedlung und Landschaft übertragen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich die Vorstellung, dass sich das Wirken des Genius Loci in der spezifischen Atmosphäre einer Stadt niederschlägt, „bestimmt durch Topographie, Architektur und Menschenschlag“. „Es sind die Ziegel und der Marmor, die den Genius der Roma ausmachen“, sagt Cicero.6 Als Mensch oder als Schlange allegorisch verkörpert war er Bestandteil der religiösen Welt. Für die Architektur ergab sich daraus die religiöse Verpflichtung, den Genius Loci zu beschwören, ihm Respekt und Referenz zu erweisen.
Diese antike Vorstellung könnte uns heute egal sein – wir beten ja auch nicht mehr Bäume an wie die alten Germanen – hätte sie nicht eine bis heute andauernde Wirkung in der Architekturgeschichte. Zumindest seit der Architektur der Aufklärung und dem Konzept des Landschaftsgartens im 18. Jhdt. bleibt der Diskurs zwischen Architektur und Landschaft virulent – das Konzept mit Architektur den Standort nicht zu überformen sondern seine ihm innewohnenden Qualitäten freizusetzen.7 Um mit Rafael Moneo nur einen unserer Zeitgenossen zu zitieren: »Der Ort ist immer erwartungsvolle Realität. Er wartet auf das Ereignis des Bauens, durch das seine sonst verborgenen Eigenschaften manifest werden.8
Ort
Philosophie und Kulturwissenschaften haben den Begriff von Ort entfaltet, besonders die Thesen von Marc Augé, die in der Abgrenzung zu einer Idee von Nicht-Orten entwickelt werden. Orte sind mit Historie gefüllt und in der lokalen Geschichte verankert. Orte sind ein „rhetorisches“ Territorium, in dem man Codes teilt und in dem es erlaubt ist und in dem es überhaupt möglich ist, sich über Andeutungen und stumme Übereinkünfte zu verständigen. Orte sind Horte des Spezifischen!9 Und auch Christian Norberg-Schulz betont in seinem Buch „Genius Loci“ den Mehrwert, den Orte über eine abstrakte Lokalisierung von Funktionen hinaus haben. Der Ort ist demnach ein qualitatives Gesamtphänomen in seiner Totalität.10 Was uns interessiert an seinen Überlegungen sind die Versuche und Annäherungen, dieses Gesamtphänomen zu erfassen: Charakter und Atmosphäre sind die Schlüsselbegriffe. Landschaft, Raum, Spannung, Licht nur einige der Elemente, die zu einem spezifischen Charakter, einer besonderen Atmosphäre beitragen. Denn auch hier stehen das Spezifische und das Besondere im Zentrum. Norberg-Schulz löst den Terminus Genius Loci von seiner engeren Bedeutung einer Korrespondenz zwischen Architektur und Landschaft. Charakter und Atmosphäre sind komplexe Qualitäten von Räumen, ganz gleich ob Innenräume, Stadträume oder Landschaften.
Gestus der Stadt
Charakter und Atmosphäre einer Stadt werden nicht analytisch begriffen. Die Räume einer Stadt sind komplexer als nur ein bildhaftes Image, auf das ein Städtebild in der Außenwerbung reduziert wird. Karlsruhe ist mehr als die »Fächerstadt«, München mehr als „laptop und Lederhose“. Auch die Innensicht eines begrenzten Bildrepertoires, das als Identitätsträger dient, wird erst in der konkreten Erfahrung wirksam. Die Räume einer Stadt lassen sich nicht verbal vermitteln, sie entziehen sich einem diskursiven Erkennen, sie müssen körperlich erfahren werden.
Sich in einer Stadt aufhalten und bewegen heißt den Gestus der Stadt mit allen seinen Sinnen erfahren. Man spürt die Sonne, riecht die Pflanzen oder die Steine im Regen, hört den Fluß rauschen, fühlt die Kühle enger Straßen auf der Haut. Der Wind auf einem großen Platz, die Mühe des Anstiegs an einem Hang, das ständige Gemurmel auf einem kleinen belebten Platz. Der Farbklang durch bestimmte Baumaterialien und das spezifische Licht der Region. Der Geruch des Flusses am Abend oder das Auftauchen der Berge bei Fön. Die Art der Bewegung: zirkulierend, umherschweifend, flanierend, steigend, irrend, zielgerichtet, Umwege erzwingend etc. 
Viele dieser atmosphärischen Elemente haben mit dem zu tun, was man unter Landschaft versteht. Oder sie werden heute unter einem erweiterten Begriff von Landschaft subsumiert, der sich von seiner Herkunft gelöst hat. Der Begriff Landschaft hat gemeinhin drei konstituierende Komponenten: 1. Natur, die 2. kulturell geformt ist, und die 3. ästhetisch wahrgenommen wird. Natur spielt bei der Diskussion urbaner Landschaften oft keinerlei Rolle mehr. Aber es geht weiterhin um kulturell geformte konkrete materielle Umwelt und es geht weiterhin um ästhetische Wahrnehmung.
Ästhetische Wahrnehmung
Ästhetisches Wahrnehmung ist sinnliche (sensitive) Wahrnehmung. Sie überschreitet die Grenzen diskursiv erkennenden Bewußtseins. Das Resultat könnte man eine andere Form von Bewußtsein nennen. Ästhetische Wahrnehmung macht bewußt, wie die Welt und die Dinge in ihrer Besonderheit, in ihrer Vielfalt und Fülle, in ihrer Unvergleichlichkeit in der Gegenwart erscheinen.11 Die Themen sind: sensitive Wahrnehmung, das Gegenwärtige / Gegenwart bewußt machen, sich auf das Besondere einlassen. Wenn Aldo Rossi in „Die Architektur der Stadt“ die Stadt als Kunstwerk12 bezeichnet, dann meint er damit nicht, dass sie das Werk eines genialen Schöpfungsaktes sei, sondern dass sie als Objekt ästhetischer Wahrnehmung in ihrer Komplexität und Besonderheit erfasst werden kann. Deswegen betont er immer wieder, dass nur die konkrete Erfahrung – das Sichaussetzen durch Umherlaufen in einer Stadt – dazu führt, die Qualität und Einzigartigkeit einer Stadt zu erfassen.
Permanenz und kollektives Gedächtnis
Aldo Rossi spricht von der Seele der Stadt als der eigentlichen Qualität einzelner städtebaulicher Tatbestände.13 Er hinterfragt diese Aussage nicht, legt sie nicht näher genannten französischen Geographen in den Mund. Er benutzt sie ganz selbstverständlich als Basis seiner Überlegungen. In den daraus folgenden Gedankengängen interpretiert er die Stadt bzw. städtebauliche Phänomene als kollektives Kunstwerk: »Sie sind aus Materie erbaut und sind doch mehr als diese Materie, zugleich etwas Bedingtes und etwas Bedingendes.«14 Rossi bezieht sich in seinem Buch ausführlich auf die Überlegungen von Maurice Halbwachs über die Bedeutung von Räumen bei der Herausbildung eines kollektiven Gedächtnisses.15
Permanenz ist die Anwesenheit der Vergangenheit in der Gegenwart – ein Begriff, den Rossi von Halbwachs übernimmt. Eine konkrete Stadt ist eine Ansammlung von Räumen, in denen Geschichte und Geschichten gelagert sind. Offensichtliche und verborgene, vertraute und mit Aufregung zu entdeckende. Je mehr dieser Geschichte(n) ich kenne, desto mehr sprechen die Räume einer Stadt mit mir. Sie sind Teil meiner Biographie und werden bei jedem Gang aus dem Haus wieder erfahren. „Untrennbar von unserem Ich sind die gewohnten Bilder der äußeren Welt.“16 Die Beständigkeit der gewohnten Räume um die Menschen herum versichert und ermöglicht das Aushalten von sozialen Veränderung, die einen schnelleren Zeitrhythmus des Wandels haben. 
Früher konnte ich mir nicht erklären, dass unsere Nachbarn in Dortmund in einem banalen Haus in einer banalen Straße nach zwei Jahren in Hamburg voller Heimweh zurückkehrten. Was fanden sie so toll an Dortmund, was war an diesem Stadtviertel begehrenswert? Warum hat man als Städtebauer bei Veränderungen ständig mit dem erbitterten Widerstand betroffener Anwohner zu tun, auch wenn eine objektive Verbesserung der Situation ansteht – wie zum Beispiel ein neuer Park in der Nachbarschaft? Die Überlegungen von Halbwachs bieten äußerst plausible Erklärungen: Auch Veränderungen des kollektiven Raumes werden als Eingriff in die erweiterte private Intimsphäre des Ichs erlebt. Einer Sphäre, die sich mit der anderer Individuen der gleichen Gruppe überschneidet, so dass zu ihrer Aufrechterhaltung / Verteidigung soziale Allianzen gebildet werden können. »So ahmen die Gruppen mit einem ganzen Teil ihrer selbst die Passivität der trägen Materie nach.«17
Der individuelle Raum umgibt den einzelnen Menschen wie Zwiebelschalen, die mit (willkürlich in Sprüngen) abnehmender Intensität als Bestandteil der eigenen Person erfahren werden: der Körper, die Kleider, das Bett, die Wohnung, das Haus, die Straße, die Stammkneipe, das Quartier, die Stadt … Europa (die mir bewußte Grenze meiner erweiterten Person). Ab gewissen Schichten überlagert sich der persönliche Raum mit dem anderer Menschen der entsprechenden sozialen Gruppe. Er ist in Materie geronnenes kollektives Gedächtnis. Die Stadt mit ihren komplexen Räumen bildet eine unübersehbare Fülle sich überlagernder und auch widersprüchlicher Gedächtnisräume verschiedener Zeiten, Bedeutungen, Gruppen, Formalitäten und Intensitäten. 
Widerstand und Handlungsrahmen
»Eine Gruppe, die in einem bestimmten räumlichen Bereich lebt, formt ihn nach ihrem eigenen Bild um; gleichzeitig aber beugt sie sich und paßt sich denjenigen materiellen Dingen an, die ihr Widerstand leisten. Sie schließt sich in den Rahmen ein, den sie aufgestellt hat.«18 Maurice Halbwachs verfolgt nicht nur, wie die gebaute Stadt entsteht, wie sie quasi in Materie sedimentiertes Gedächtnis ist, sondern auch wie diese Räume heute erfahren werden und damit in dem aktuellen Geschehen mitwirken.  Da gibt es Strukturen, die jeder Stadt in unserem Kulturkreis gemeinsam sind. Um nur ein Beispiel einer jungen Veränderung städtischer Räume herauszugreifen, die massiv auf das Verhalten zurückwirkt: die begehrte Mobilität mit dem individuellen Auto hat Straßenräume in den letzten 50 Jahren grundlegend verändert. Das wiederum wirkt sich auf das Spielverhalten kleiner Kinder aus, die man heute nicht mehr alleine aus dem Haus lassen kann.  Zugleich ist jede Stadt in diesem Palimpsest von Räumen einzigartig: Sie ist eine kollektive Persönlichkeit, die als gebaute Stadt zu erfahren ist. Eine Persönlichkeit, die zwar auch von jedem einzelnen Menschen etwas anders erfahren wird. Dennoch – und das ist die These – ist sie kollektiver Ausdruck gemeinsamer Geschichte und als solche auch individueller „einschließender Rahmen“, durch ihre individuelle Geschichte, ihre eigene Physiognomie und ihren eigenen räumlichen Ausdruck.
Atmosphäre und Situation
Wenn ich in Karlsruhe täglich mit dem Fahrrad vom Westen über den Schloßpark oder den Schloßplatz in die Universität fahren würde, wären diese weiten offenen Räume Bestandteil meines Alltages. Der Kern der Stadt mit seinen ausgreifenden Straßenzügen und seiner Großzügigkeit ginge ein bißchen in mich ein. Das ist eine schöne Vorstellung, die mir letztens aufgegangen ist, als ich einmal durch Zufall diesen Weg nahm. Leider führt mein täglicher Weg in Karlsruhe über den Europaplatz und durch die Karlstraße. Das ist nicht weiter schlimm aber auch nicht besonders beglückend. In meiner Vorstellung, die aus diesem Weg resultiert, ist diese Stadt eng und ein bißchen piefig. Vielleicht bin ich auch schon ein bißchen piefig geworden. Die Atmosphäre der täglich wahrgenommenen Räume beeinflußt mein Lebensgefühl.
Die Atmosphäre städtischer Räume ist diskursiv schwer zu erfassen. Sie ist originärer Gegenstand ästhetischer Wahrnehmung. Insbesondere die Ausführungen von Martin Seel dazu sind für uns hilfreich.19 Demnach ist die Wahrnehmung des atmosphärischen Erscheinens der Dinge nur eine von mehreren Formen ästhetischer Wahrnehmung, trifft aber gerade für uns interessante Zusammenhänge. Atmosphäre assoziiert Vergangenheit und Zukunft, bringt biographisches und historisches Wissen ins Spiel, Gefühle und Facetten einer Lebenssituation werden wachgerufen. Seel nennt dies korrespondives ästhetisches Bewußtsein. Atmosphäre muß nicht notwendigerweise in bewußter Reflexion wahrgenommen werden. Gerade das Evozieren von Gefühlen geschieht oft völlig unbewußt. Bis das Gefühl wahrgenommen wird und man versucht, ihm auf den Grund zu gehen. Warum überkommt mich eine so heitere Stimmung? Weil die Sonne durch die Blätter auf das Wasser scheint und der Reflex auf den Wänden tanzt. Vielleicht ist es das. 
Atmosphäre kann man in einem gewissen Umfang erzeugen. Das ist Gegenstand eines jeden architektonischen Entwurfes. Atmosphäre baut sich aber gerade in der Dimension städtebaulicher Phänomene über lange Prozesse auf. Atmosphäre hat natürlich auch ihre kurzfristigen Komponenten voller Zufälligkeit: Aufreißender Himmel nach starkem Wolkenbruch – oder Nebel, aber die interessieren uns hier weniger.  Und Atmosphäre wirkt zurück, sie erzeugt eine Stimmung, beeinflußt Verhalten. Man geht schneller in einer Umgebung, die Angst aufkommen läßt. Man erinnert sich an etwas, zuerst ein unbestimmtes Gefühl, dann dringt es ins Bewußtsein, man stutzt und kehrt wieder um. Man läßt sich nieder in einer kontemplativen Situation. Man fährt Fahrrad in Münster. In Stuttgart nimmt man den Weg über die Aussichtspunkte der Höhenlagen rund um die City, in Frankfurt über die Promenaden entlang des Mains, um plötzlich einem Gefühl von Weite und Ferne in der sonst engen Stadt ausgesetzt zu sein. An diesen Orten hält man inne, unterbricht seinen alltäglichen Trott, wird der Stadt gewahr. Die Atmosphäre städtischer Räume erzeugt bestimmte Situationen. Sie prägt das Lebensgefühl in einer Stadt.
Gelebter Raum
Der Gedanke, dass sich Raum überhaupt erst in der Erfahrung des Menschen als Medium entfaltet, hat wieder Gewicht in der gegenwärtigen Diskussion, auch wenn er schon Jahrzehnte alt ist. Von Dürckheim spricht von „Raumseele“ wenn er von den Qualitäten spricht, die einen Raum in seiner Gesamtheit ausmachen und zu seiner spezifischen Stimmung führen.20  Vielleicht wirkt das Wort wegen der heute altmodisch anmutenden Sprache Dürckheims befremdlich. Aber der ganze Gedankengang ist weiterhin hochaktuell. Räume haben eine bestimmte Anmutung bzw. Stimmung, die er Charakter nennt. Ein Raum kann als lieblich, leicht, schwer, bewegt oder ruhig usw. empfunden werden. Mit seinem Charakter spricht er uns an, wir reagieren mit Sympathie oder Aversion oder einer bestimmten Stimmung. Raum wird umfassend im Zuge von Handlungen erfahren. Dann entfaltet er seine Tiefe oder Ferne, seine Begrenztheit oder Enge. Er erzeugt Widerstand, sperrt sich oder befördert das Gelingen einer Aktion. Mehr noch als bei der zuvor diskutierten Atmosphäre, die als eine Art Erscheinen von Raum gedeutet werden kann, geht es hier um die Erzeugung von Raum selbst. Atmosphäre ist eine Eigenschaft von Raum, die durch ästhetische Erfahrung aktiviert wird. Gelebter Raum meint mehr: er wird in einem Handlungsfeld erst existent – und im Gegenzug steuern seine Verhältnisse die Handlungen mit. In ihm ist persönliche Zeit aufgehoben, die er auch wieder freisetzen kann.  Dieser Gedankengang ist auch deshalb für den Städtebau so fruchtbar, da er sich nicht auf eine sozialwissenschaftliche Deutung von Verhalten im Raum beschränkt, sondern weil die Genese von Raum selbst im Zentrum steht. Städtischer Raum – das Medium und Material, das unser Interesse ausmacht.
Städtische Räume sind genuin gelebte Räume. Erst in ihrem vielfältigen Gebrauch durch Individuen, Gruppen und städtische Gesellschaft entfalten sie sich als Räume. Und gleichzeitig erzeugen sie durch ihren Charakter, ihre Atmosphäre ihre Farbe und Form und ihre Stimmung Situationen, Szenen, Verhalten. Jede Stadt ist da ganz eigen. Jede ist ein eigener Raumkörper mit eigenem Wesen.
Der Körper der Stadt, ihre Atmosphäre, der Ort mit seinen Eigenarten, verkörperte Geschichte, der als geformte Kultur erzeugte Raum – all dieses entwickelt eine Dichte und spürbare Präsenz, eine Kraft und ein Eigenleben. Und „Eigenleben“ eines Dinges kann man Seele nennen.
Quelle<Idee       Sophie Wolfrum 2003  by Zeitgeist-2013

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